VCS-Magazin - für zeitgemässe Mobilität

Pendeln ohne Ende

Wer sich während der Woche am frühen Morgen durch die Menschenmenge in einer Bahnhofshalle drängen muss, in den überfüllten Bus steigt oder den täglichen Stau auf der Autobahn erduldet, weiss es: Schweizer Erwerbstätige sind fleissige Pendlerinnen und Pendler. Und dieses Pendeln ohne Ende nimmt weiter zu.

Wohin führt der Trend des exzessiven Pendelns noch? Soll die Verkehrsplanung ihn weiter unterstützen oder bremsen? Der Soziologe Vincent Kaufmann rät der Politik, sich die richtigen Fragen zu stellen.

VCS-Magazin: Immer mehr Pendlerinnen und Pendler nehmen den Zug, um zur Arbeit zu fahren, der Anteil der Autofahrenden nimmt ab. Ein Erfolg für die ökologische Verkehrspolitik!

Vincent Kaufmann, Professor für urbane Soziologie und Mobilitätsanalyse an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Lausanne (EPFL): Ja und Nein. Wir stellen fest, dass das Benutzen der Bahn proportional zur Distanz zwischen Wohn- und Arbeitsort zunimmt. Je länger der Weg von zu Hause zur Arbeit ist, desto mehr steigen die Leute vom Auto auf die Bahn um. Dieser Umstieg ist also im speziellen Kontext des Langstreckenpendelns zu sehen. Aus Sicht des Umweltschutzes ist es aber nicht wünschbar, tägliche Pendlerstrecken über Dutzende oder gar hundert Kilometer zu fördern. Selbst wenn die Fahrt mit dem öffentlichen Verkehr erfolgt.

Wie erklären Sie diesen Trend?

Die Pendlerinnen und Pendler nutzen heute das Geschwindigkeitspotenzial des öffentlichen Verkehrs nicht, um ihre Fahrzeit zu senken, sondern um die Fahrten räumlich auszudehnen. Die Verbesserung des Angebots und die zunehmende Geschwindigkeit laden die Arbeitenden in der Schweiz geradezu dazu ein, in Sachen Mobilität die Grenzen des Vernünftigen auszureizen. Auch der grössere Komfort spielt eine Rolle: Damit der Reiseweg als positiv wahrgenommen wird, müssen die Nutzer ihn auch als komfortabel empfinden.

Sie vergleichen «Langstreckenpendler» mit Sesshaften. Ist das nicht paradox?

Nein, denn diese Personen sind gerade deshalb viel unterwegs, um zu verhindern, dass sie umziehen und mobil sein müssen! Sie stützen sich auf schnelle Verkehrsmittel, damit sie weit weg von ihrem Arbeitsplatz wohnen können. Wenn sie reisen anstatt umzuziehen, pendeln anstatt den Wohnort zu wechseln, können sie ihre Netzwerke, ihre räumliche Verankerung und die sozialen Beziehungen besser aufrechterhalten.

Heimarbeit und Flexibilität der Arbeitszeiten werden häufig als Lösung für das exzessive Pendeln angesehen. Wie sehen Sie das?

Da bin ich nicht unbedingt einverstanden. Die Möglichkeit, einen oder zwei Tage pro Woche zu Hause arbeiten zu können oder nicht jeden Morgen um Punkt 8 Uhr mit der Arbeit beginnen zu müssen, ermuntert eher noch mehr zum Pendeln als zum Umziehen. Denn unter diesen Bedingungen wird die Distanz zwischen Wohn- und Arbeitsort nicht als zwingender Faktor wahrgenommen.

Die Schweizer Verkehrspolitik geht also in die falsche Richtung...

Mit dem Phänomen des Langstreckenpendelns funktioniert das Schweizer Verkehrssystem mehr und mehr wie das einer grossen urbanen Region. Was mich stört ist, dass diese Realität vor Ort politisch keineswegs vorgegeben ist. Es würde Sinn machen sich zu fragen: Welche Schweiz wollen wir morgen? Will man die Ströme von Reisenden weiter verstärken und so eine einzige urbane Grossregion zwischen Genf und St. Gallen schaffen? Oder will man lieber eine Vielfalt auf tieferem Niveau erhalten? Gegenwärtig erzeugt die Verkehrspolitik eine Schweiz, die überhaupt nicht diskutiert wird – was schade ist.

Sie plädieren also dafür, diese Fragen auf die politische Agenda zu setzen...

Ja. Wenn man erst mal weiss, wohin man gehen will – in Richtung einer Schweiz, die wie eine einzige Grossstadt funktioniert oder eben nicht – wird es uns einfacher fallen, eine kohärente Verkehrspolitik zu betreiben.

Interview: Jérôme Faivre