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Nie wieder AKW

In der Schweiz ist der Bau neuer Atomkraftwerke verboten. So steht es seit 2017 im Gesetz. Der Atomlobby passt das freilich nicht. Sie will das Verbot aufheben und war mit diesem Anliegen im Parlament knapp erfolgreich. Jetzt sollen die Stimmbürger*innen das letzte Wort haben: Die Umweltverbände ergreifen das Referendum gegen das Atomgesetz.

Die wohl wichtigste energiepolitische Entscheidung der letzten Jahrzehnte war der Grundsatzentscheid, die Schweiz aus der Abhängigkeit von Atomenergie zu führen und ein AKW‑Neubauverbot ins Gesetz zu schreiben. Bundesrat und Parlament beschlossen diese «Energiestrategie 2050», 2017 bestätigte die Stimmbevölkerung die Marschrichtung deutlich – sehr zum Missfallen der SVP, Teilen der FDP und einiger Wirtschaftsverbände. Dieselben Kreise liessen nicht locker und sammelten ab 2022 Unterschriften für ihre Blackout‑Initiative, die das Neubauverbot wieder kippen will.

Energieminister Albert Rösti nahm diesen Ball nur zu gerne an und zimmerte einen indirekten Gegenvorschlag, der das Hauptanliegen der Initiative erfüllt: Neue AKW sollen wieder möglich werden. Das Parlament zankte kurz über die Kosten neuer AKW, segnete Röstis Atomgesetz aber letztlich knapp ab. Das Referendum der Umweltverbände war beschlossene Sache und für den VCS stand von Anfang an fest: Das Referendum wird unterstützt.

Klimaneutral und «atomfrei»

Die Art und Weise der Stromgewinnung steht in engem Zusammenhang mit der Mobilität. Besonders der Strassenverkehr ist heute der mit Abstand grösste CO₂‑Emittent im gesamten Verkehrsbereich, und gerade Autos, Lastwagen und Lieferwagen werden darum seit Jahren Schritt für Schritt elektrifiziert. Schon heute sind Hunderttausende Elektrofahrzeuge in der Schweiz immatrikuliert, die Zahl steigt dank gesetzlicher CO₂‑Zielwerte und technologischem Fortschritt stark an.

Für Gregory Germann, Projektleiter eco-auto beim VCS, ist das eine Chance: «Jedes dieser Fahrzeuge bringt eine Batterie mit – vom kleinen Elektroauto mit rund 20 Kilowattstunden bis zum grossen Elektro-LKW mit mehreren hundert Kilowattstunden.» Zusammen mit stationären Batterien bildet die wachsende Elektroflotte eine enorme Speicherkapazität, die sich ideal mit dem Ausbau von Solar- und Windenergie kombinieren lässt. 

Elektro ist Teil der Lösung

Nicht selten wird die Elektromobilität als Grund für die Notwendigkeit neuer AKW angeführt. Das Gegenteil ist der Fall. «Bereits eine Flotte von rund 200 000 Elektroautos kann mit ihrem Stromspeicher eine Leistung in der Grössenordnung eines Atomkraftwerks erbringen», sagt Germann. Die Integration der Fahrzeugbatterien ins Stromsystem sei aus Sicht von Wirtschaftlichkeit, Klima und Umwelt zentral – und sie passt perfekt zu einem erneuerbaren, vernetzten Energiesystem. Der Blick auf das Solarstrom‑Potenzial von Schweizer Hausdächern und ‑fassaden zeigt zudem, dass allein dieses Potenzial den künftigen Strombedarf der Elektromobilität deutlich übersteigt.

Eine Flotte von rund 200 000 Elektroautos kann mit ihrem Stromspeicher eine Leistung in der Grössenordnung eines Atomkraftwerks erbringen.

Gregory Germann

Wenn die Schweiz ihren Ausbau von Solar‑ und Windenergie konsequent vorantreibt, lassen sich Wärmepumpen, Elektroautos, E‑LKW und die Bahn versorgen, ohne neue AKW zu bauen. Die Elektromobilität ist damit ein zentraler Baustein des Stromnetzes der Zukunft, das auf erneuerbaren Energien basiert.

Riskant und teuer

Neue Atomkraftwerke sind sehr teuer und wirtschaftlich nur mit staatlichen Preisgarantien, Subventionen und Risikoübernahmen realisierbar. Damit würden neue AKW zur finanziellen Blackbox, warnt eco-auto-Experte Germann: «Diese Kosten landen letztlich bei der Stromkundschaft – direkt über höhere Stromtarife oder indirekt über Steuergelder. Steigt der Strompreis, verteuert sich jede Kilowattstunde für Wärmepumpen, Elektroautos, E‑LKW und die Bahn.» Damit würden ausgerechnet jene Technologien geschwächt, die den CO₂‑Ausstoss im Verkehr senken können.

Neue AKW würden zur Investitionsbremse für die Erneuerbaren.

Gregory Germann

Milliardenschwere AKW-Subventionen entzögen zudem anderswo Geld. Sie würden Investitionen in Solar- und Windenergie, Speicher und Netzausbau verdrängen. «AKW würden damit gleichsam zur Investitionsbremse für die Erneuerbaren.» Ohne langfristige Planungssicherheit würde es zunehmend schwieriger, überhaupt noch Geldgeber*innen für die umweltfreundliche Stromproduktion zu finden, warnt Germann.

Jetzt Referendum unterschreiben

Argumentarium

Die gesetzlich definierten und von der Bevölkerung beschlossenen Klimaziele im Verkehr sind klar: Bis 2040 müssen die Emissionen um 57 Prozent reduziert werden, bis 2050 um 100 Prozent – also komplett, ohne die Hilfe von Negativemissionstechnologien. Um diese Ziele zu erreichen, bedarf es jedoch keiner neuen AKW. Im Gegenteil: Atomkraftwerke bremsen die Verkehrswende und die Erneuerbaren gleichermassen.

Die technologischen Entwicklungen der letzten Jahre zeigen, dass die Ziele vor allem mit dem Umstieg auf den öffentlichen Verkehr und auf den Velo- und Fussverkehr und zusätzlich mit der Elektrifizierung des Strassenverkehrs erreichbar sind. Der Strassenverkehr ist der mit Abstand grösste CO2-Emittent im Verkehr (98 %), wobei 73 % auf Autos, 12 % auf Lastwagen und 9 % auf Lieferwagen entfallen. Diese Fahrzeuge werden seit Jahren laufend elektrifiziert. 

Inzwischen sind bereits Hunderttausende von Elektrofahrzeugen in der Schweiz immatrikuliert – Tendenz stark steigend, dank gesetzlich verankerten CO2-Zielwerten und technologischem Fortschritt. Und jedes dieser Fahrzeuge hat eine Batterie, die von 20 kWh (kleines Elektroauto) bis 600 kWh (grosser Elektro-LKW) reicht. 

So ist also bereits heute eine signifikante Speicherkapazität vorhanden. Zusammen mit weiteren Kurzzeitspeichern wie stationären Haushaltsbatterien, Quartierspeichern aber auch Langzeitspeichern (etwa Speicherseen) bietet sich die Elektrofahrzeug-Flotte als flexible Speicherlösung an, welche die zunehmende Stromproduktion aus Sonne und Wind optimal ergänzt. Bereits heute können die Fahrzeuge dann geladen werden, wenn der Strom am günstigsten ist – z.B. mittags, wenn die Sonne scheint. Und in naher Zukunft werden diese Fahrzeuge dank bidirektionalem Laden in der Lage sein, Strom wieder ins Netz einzuspeisen («Vehicle-to-Grid»).

Schätzungen gehen davon aus, dass bereits eine Flotte von 200'000 Elektroautos eine Leistung von 500-800 MW erbringen kann  (Atomkraftwerke Beznau I und II: je 365 MW). Dies vermeidet Lastspitzen, unterstützt bei der Stabilisierung des Stromnetzes und reduziert die Notwendigkeit des Netzausbaus. Aus Sicht der Wirtschaftlichkeit, des Klimas und der Umwelt ist es absolut zentral, die Batterien von Elektrofahrzeugen, welche im Schnitt 95 % der Zeit herumstehen, ins Stromnetz zu integrieren. Durch das Zusammenspiel von tausenden dezentralen, flexiblen Speicherlösungen und der Produktion von erneuerbarem Storm sinkt der Bedarf an Bandstrom, welches ein AKW liefert, signifikant. 

Allein der Blick auf das Solarstrom-Potenzial von Schweizer Hausdächern und -fassaden (75 TWh)  zeigt, dass der künftige Strombedarf der Elektromobilität (7,3 TWh)  bei einem konsequenten Ausbau der Erneuerbaren mehr als gedeckt wird. Die Elektrifizierung des Strassenverkehrs ist also kein Argument für neue Atomkraftwerke, sondern ein zentraler Baustein im Stromnetz der Zukunft, das auf erneuerbaren Energien basiert und mit Europa eng verknüpft ist.

Neue Atomkraftwerke sind extrem kapitalintensiv und wirtschaftlich nur mit staatlichen Preisgarantien, Subventionen und Risikoübernahmen realisierbar. Diese Kosten landen letztlich bei der Stromkundschaft – entweder direkt über höhere Stromtarife oder indirekt über Steuergelder. Steigt der Strompreis, verteuert sich jede zusätzliche Kilowattstunde für Wärmepumpen, Elektroautos, E LKW und die Bahn. Damit werden genau jene Technologien geschwächt, die den CO₂ Ausstoss im Verkehr senken sollen. 

Statt Milliarden in wenigen, starren Grosskraftwerken zu binden, braucht die Elektrifizierung des Verkehrs ein preisgünstiges, flexibles Stromsystem mit rasch ausbaubaren erneuerbaren Energien und Speichern. AKW Subventionen wirken hier wie eine Bremse: Sie verdrängen Investitionen in Solar, Wind, Speicher und Netzausbau, halten die Stromkosten unnötig hoch und erschweren so den Umstieg auf die effiziente Elektromobilität.

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