1,5 Meter Überholabstand für mehr Sicherheit
Mehr Platz, weniger Stress
Autos fahren oft zu nahe an Velos vorbei. Das macht Velofahren gefährlich und verunsichert Velofahrer*innen. Der VCS fordert mindestens 1,5 Meter Abstand. Mehr Abstand bringt mehr Sicherheit und weniger Stress. Unsere Studie zeigt, wie nahe Autos in Schweizer Städten überholen. Wir zeigen auch, was sich ändern muss und warum es eine gesetzliche Grundlage braucht.
Schweizweite Studie
Der VCS hat in Zusammenarbeit mit der Ostschweizer Fachhochschule OST den Überholabstand in sieben Schweizer Städten untersucht. Die Messungen fanden auf Velohauptrouten statt.
- Untersuchte Städte: 7
- Gefahrene Strecke: rund 1500 Kilometer
- Gemessene Überholmanöver: mehr als 5000
- Mittlerer Überholabstand: 120 cm
- Unter 1,5 Meter: 79 Prozent
- Unter 1 Meter: 34 Prozent
Mehrheit der Autofahrer*innen überholt zu nahe
Überholmanöver unter 1,5 Meter innerorts werden von der Fachliteratur als gefährlich eingestuft. Eine klare gesetzliche Regelung dazu fehlt bisher in der Schweiz.
Wir wollten wissen: Wie viel Abstand halten Autofahrer*innen beim Überholen von Velofahrer*innen? Der VCS hat dies in Bern, Zürich, Genf, Köniz, Burgdorf, Sion und Olten untersucht.
Ein Ultraschallsensor am Velo hat den Abstand zu den überholenden Autos gemessen. Auf rund 1500 Kilometern wurden mehr als 5000 Überholmanöver erfasst. Der mittlere Abstand betrug 120 Zentimeter. Das ist deutlich weniger als die geforderten 1,5 Meter. 79 Prozent der gemessenen Überholmanöver lagen unter 1,5 Metern. 34 Prozent lagen sogar unter einem Meter. Die Unterschiede zwischen den sieben Städten waren gering.
Keine Rücksicht auf Kinder im Anhänger
Die Studie untersuchte auch Überholmanöver mit einem Kinderanhänger. Die gleichen Strecken wurden mit und ohne Anhänger befahren (das Verdeck des Anhängers war geschlossen, es sass kein Kind drin).
Das Ergebnis: Autos hielten beim Velo mit Kinderanhänger fast gleich wenig Abstand. Autos überholen auch Velos mit Kinderanhänger in den meisten Fällen näher als 1,5 Meter. Viele Überholvorgänge lagen sogar unter einem Meter.
Sichere Infrastruktur schafft mehr Abstand
Die Infrastruktur beeinflusst den Überholabstand.
Velostreifen können sehr nahe Überholmanöver verhindern. Breitere Velostreifen zeigen dabei tendenziell einen grösseren positiven Effekt. Noch mehr Schutz bieten baulich getrennte Velowege.
Tempo 30 macht das Überholen angenehmer
Bei gleicher Infrastruktur hatte das Temporegime keinen statistisch signifikanten Einfluss auf den mittleren Überholabstand. Bei Tempo 30 und Tempo 50 waren die Überholabstände ähnlich.
Deshalb sind die Resultate der Studie auch ein Plädoyer für mehr Tempo 30: Überholt werden fühlt sich bei tieferem Tempo weniger stressig an. Und bei einem Unfall sind die Folgen oft weniger schwer.
Das Dilemma mit der Velofahrspur
Die Studie untersuchte drei Fahrlinien. Fazit: Die Wahl der besten Fahrlinie ist ein Dilemma, keine Fahrlinie löst das Problem allein. Velofahrer*innen sind nicht dafür verantwortlich, dass Autos genügend Abstand halten.
Die Autofahrer*innen überholen mit dem grössten Abstand. Allerdings sind andere Risiken für die Velofahrer*innen bei dieser Fahrlinie gross. Es können plötzlich Türen von parkierten Autos geöffnet werden und mit Abflussdeckeln, Belagschäden oder Scherben lauern weitere Gefahren am Boden. Bei Verkehrsinseln versuchen Autofahrer*innen zudem, trotz wenig Platz zu überholen.
Das Fahren in der Mitte der Veloinfrastruktur gilt als Standardlinienwahl. Die Autofahrer*innen überholen deutlich zu nahe und Autotüren, die plötzlich geöffnet werden, können ebenfalls ein Problem sein.
Diese Fahrlinie wird normalerweise selten freiwillig gewählt. Die Autofahrer*innen überholen hier extrem nahe. Dennoch ist diese Linienwahl oft nötig, um Hindernissen auszuweichen oder nicht mit Autotüren zusammenzustossen, die unvermittelt geöffnet werden.
Es braucht Verbesserungen auf Hauptstrassen
Auf Haupt- und Nebenstrassen wird ähnlich nahe überholt. Der grosse Unterschied liegt bei der Anzahl der Überholmanöver.
- Hauptstrassen: durchschnittlich 9,2 Überholmanöver pro Kilometer.
- Nebenstrassen: durchschnittlich 1,5 Überholmanöver pro Kilometer.
Hauptstrassen sind deshalb der wichtigste Gefahrenort für Velofahrer*innen und Massnahmen auf Hauptstrassen müssen priorisiert werden.
1. Sichere Veloinfrastruktur
Velofahrer*innen brauchen mehr Platz auf den Strassen. Der VCS fordert:
- breitere Velostreifen
- baulich getrennte Velowege
Das schafft mehr Sicherheit und mehr Abstand.
2. Mehr Tempo 30
Auf Hauptstrassen finden besonders viele Überholmanöver statt.
Dort braucht es mehr Tempo-30-Strecken.
Bei tieferem Tempo fühlen sich Überholmanöver angenehmer an. Bei einem Unfall sind die Folgen oft weniger schwer.
3. Gesetzlicher Mindestüberholabstand
Innerorts braucht es einen gesetzlichen Mindestabstand von 1,5 Metern. Eine klare Regel:
- gibt Autofahrer*innen Orientierung
- schützt Velofahrer*innen
- schafft Sicherheit für alle Verkehrsteilnehmer*innen
- macht die Verantwortung beim Überholen klar
Der VCS setzt sich dafür ein, dass dieser Mindestabstand gesetzlich verankert wird. In vielen europäischen Ländern ist das bereits Standard.