Dresden, die Perle an der Elbe
Auf der einen Seite liegt die Altstadt als riesiges Museum, ein architektonisches Juwel aus Kopfsteinpflaster und prächtigen Barockbauten. Auf der anderen Seite der Elbe entdeckt man ein pulsierendes Künstlerviertel mit Mauern, die unsere Augen erfreuen und uns ins Ohr flüstern.
Es muss etwa 22 Uhr sein, die Diskussionen im Abteil des Zuges, der nach Dresden fährt, werden leiser. Schläfrig lausche ich den Bruchstücken in «gutem Deutsch», dieser Intonation, die den Worten einen edlen Klang verleiht. Das ist hübsch und tönt höflich. Zwei Freundinnen um die fünfzig sitzen am Fenster, daneben eine weitere etwa gleichaltrige Frau und ein etwas jüngerer Mann. Es ist warm. Der Zug rast durch die Nacht, durch unsichtbare Landschaften.
Am frühen Morgen erwacht Dresden unter trübem Himmel. Eine heimtückische Kälte kriecht durch die leeren Strassen der sächsischen Hauptstadt. Ganz in der Nähe der Frauenkirche gibt mir ein Café die Gelegenheit, meine Hände an einer heissen Tasse Tee zu wärmen. Es ist fast 10 Uhr und der Regen trommelt auf die Pflastersteine der Altstadt. In Kürze treffe ich am Flussufer Malte, einen jungen Dresdener, der Führungen durch die Altstadt anbietet. Ich bin nicht sicher, ob diese bei jedem Wetter stattfinden, doch der leere Akku meines Telefons hindert mich daran, das zu klären. Egal, ich werde zum vereinbarten Zeitpunkt dort sein und auf der breiten Treppe zur Brühlschen Terrasse nach einem jungen Mann mit Mütze oder Kappe und einer roten Aktentasche Ausschau halten.
Ein weitläufiges, wieder aufgebautes Museum
Da steht er, mit Mütze und Regenschirm, daneben ein Touristenpaar mit ansteckendem Lächeln. Malte nimmt uns mit auf eine Entdeckungsreise zu den historischen und monumentalen Gebäuden Dresdens. Die durch Bomben am Ende des Zweiten Weltkriegs zerstörte Altstadt wurde in sehr eindrücklicher Weise originalgetreu wieder aufgebaut. Die geschwärzten Steine blieben erhalten und bilden eine interessante Verbindung mit den neuen, helleren. Die Gebäude sind riesig und reich mit Ornamenten, Statuen und Balkonen verziert.
Gerne möchte ich diese Arabesken verewigen, bin aber damit beschäftigt, meinen Regenschirm zu halten, die Zehen zu bewegen, damit sie nicht taub werden, und mich auf das zu konzentrieren, was der Reiseführer sagt. Malte spricht schnell – sehr schnell. Er hat unzählige Informationen zu vermitteln, ein Gemisch aus historischen Fakten, persönlichen Bemerkungen und Anekdoten, das sich als Kaskade in singendem Deutsch über uns ergiesst. Er ist auch ehrlich und gibt zu, dass das Zentrum, obwohl hübsch rekonstruiert, besser durchdacht sein könnte. Er bedauert das öde Disneyland voller touristischer Geschäfte, die zu früh am Abend und zu früh im Jahr schliessen. Die Altstadt ist ein Museum, das man bewundert, ohne etwas anzufassen. Ihre Fassaden sind unecht, ihre Hunderte von Fenstern unbewohnt.
Der Rundgang führt uns zu den wichtigsten Gebäuden der Altstadt und vermittelt einen guten Überblick. Wir schreiten über den Hauptplatz, bewundern die Frauenkirche, bevor wir zum Fürstenzug kommen, einem spektakulären Wandgemälde aus Meissener Porzellanfliesen. Alles ist gross, majestätisch, einschüchternd. Ohne vor dieser überwältigenden Pracht den Kopf zu senken, recken wir den Hals, um bis zu den Dächern der Gebäude zu sehen.
Kulturstadt Dresden
Der Zwinger ist eine Hochburg des europäischen Kunsterbes. Die Mauer rundherum bietet mit Blick auf die Gärten des Barockpalastes einen schönen Rundgang inmitten vielfältiger Statuen. Im Innern des Zwingers zeigt die «Gemäldegalerie Alte Meister» Meisterwerke früherer Jahrhunderte. Zu bewundern ist insbesondere die berühmte «Sixtinische Madonna» von Raffael. Auch ohne Kunstliebhaber*in zu sein, geniesst man hier den Moment der Langsamkeit und Stille, der sich wie immer beim Öffnen einer Museumstür einstellt.
Einen Kontrast bilden die moderneren Werke im Albertinum. Das Museum befindet sich auf der Brühlschen Terrasse, die entlang der Elbe verläuft. 2002 drang der Fluss in einem ausserordentlichen Hochwasser bis in die Lagerräume vor und beschädigte mehrere Werke. Trotz der Katastrophe ermöglichte das Ereignis eine komplette Neugestaltung des Albertinums, das 2010 wieder eröffnet wurde.
Der Zwinger, das Albertinum, aber auch das Residenzschloss, der Jägerhof oder das Schloss Pillnitz bilden einen aussergewöhnlichen Kultur- und Kunstkomplex, der Dresden den Beinamen «Elbflorenz» eingebracht hat.
Eintauchen in die «alte» Neustadt
Auf der anderen Flussseite lädt der Blick auf die Altstadtgebäude zu einem kurzen Halt ein, bevor man in die Neustadt eintaucht. Das pulsierende, farbenfrohe und künstlerische Viertel ist das kulturelle Herz Dresdens. Die meisten Bauten stammen aus dem frühen 20. Jahrhundert und haben die Bomben von 1945 überlebt. Die «Neustadt» ist also älter als die «Altstadt».
Eine Abfolge charmanter Cafés, angesagter Bars und unabhängiger Läden schafft eine Bohème-Atmosphäre, in der man gerne flaniert. Die zu riesigen Leinwänden verwandelten Mauern der Neustadt setzen die Werke zahlreicher Strassenkünstler in Szene. Ihre Bilder ergeben zusammen mit den neobarocken Fassaden eine eklektische, reizvolle Mischung.
Versteckt hinter strengen Gebäuden bildet eine Reihe farbenfroher, kleiner Hinterhöfe die Kunsthofpassage. Das Projekt entstand vor über 20 Jahren mit dem Ziel, diese Orte mit einer Mischung aus Wohnraum, Geschäften und Unterhaltung neu zu beleben. Die Passage besteht aus fünf Höfen, von denen jeder auf seiner Fassade ein Thema aufgreift. So besucht man den Hof der Metamorphosen sowie jenen der Tiere, der Fabelwesen, des Lichts und der Elemente. In Letzterem schlängelt sich ein spezielles Röhrensystem der blauen Wand entlang. Bei Regen ergiesst sich das Wasser in die Rinnen und verwandelt diese in ein riesiges Musikinstrument.
Wenn die Herbstsonne dazu einlädt, bieten die Terrassen der zahllosen Cafés und Restaurants der Neustadt eine Atempause, um das Kommen und Gehen im Quartier zu beobachten. Vor der Abfahrt wollen wir noch zu Pfunds Molkerei, einer der schönsten Molkereien der Welt, schon nur um die handbemalten Kacheln zu bewundern, die die Geschichte des Familiengeschäfts erzählen. Und nach ein paar Einkäufen einheimischer Produkte in der gedeckten Neustädter Markthalle ist es Zeit, den Zug heimwärts zu nehmen.