Ein Hoch auf die Greina
Ihre Abgeschiedenheit und Unberührtheit von menschlichen Eingriffen verleihen der Greina-Hochebene einen besonderen Zauber. Dass wir die «Wüste aus Gras, Felsen und Schnee» heutzutage so bewundern können, ist nicht selbstverständlich.
«Es sieht ein bisschen aus wie in Schottland», schwärmte ein Freund, als er von seiner Wanderung über die Greina berichtete. Wir wollen es selbst wissen. Die Wanderung ist für uns Berner*innen nicht gerade um die Ecke. Die Mittagssonne steht bereits hoch am Himmel, als wir vorfreudig aus dem Bus Alpin hüpfen. In den frühen Morgenstunden hatte sich unsere kleine Gruppe am Bahnhof versammelt, nun breitet sich der Lago di Luzzone mit seiner imposanten Staumauer glitzernd und strahlend blau vor uns aus. Der Torrone di Nav, der Blattaberg und der Pizzo Marumo schauen zu den Fischern hinab, die es sich auf Klappstühlen gemütlich gemacht haben. Ein schönes Fleckchen Tessin! Von hier aus wollen wir nach Graubünden wandern und die Greina erreichen, im Volksmund «unsere Tundra» genannt.
Zuerst der Auftakt
Der erste Tag unserer Reise besteht nebst der Hinfahrt aus einer rund dreistündigen Wanderung. Die Greina selbst werden wir erst am zweiten Tag zu Gesicht bekommen. Nach weniger als einer Stunde Fussmarsch entlang des Lago di Luzzone erreichen wir den Ri di Scaradra. Ein Bergfluss, der hibbelig über die Felsen hinunter in den Stausee schiesst.
Es ist nicht mehr weit, dann biegen wir ins Valle di Garzora ein und lassen die grünblaue Fläche hinter uns. Nach 541 Höhenmetern und 2,7 Kilometern Strecke erreichen wir unser Tagesziel. Die Capanna Motterascio ist eine rustikale SAC-Hütte im 60er-Jahre-Stil. Vor zehn Jahren ist ein schlichter schwarzer Anbau mit grossen Fenstern und Solarzellen dazugekommen, nun warten 72 Betten auf Freund*innen der Greina. Wir schlüpfen aus unseren Wanderschuhen in knallpinke, blaue oder dunkelgrüne Crocs, die quietschen, als wir durch das kühle Treppenhaus und eine schwere Glastür in den wohlig warmen Aufenthaltsbereich eintreten. Die hölzernen Hocker, Tische und Wände sind in ein oranges Licht getunkt. Das Alltagsgewusel aus Verkehrslärm, greller Leuchtreklame und Textnachrichten liegt in weiter Ferne. Der Handyempfang ist irgendwo zwischen dem Luzzonesee und einer Müsliriegel-Pause auf der Strecke geblieben. Nachts weckt der Gruppenschlafsaal mit den schweren Wolldecken und die Nähe der Mitreisenden ein urtümliches Gefühl von Sicherheit und Wärme.
Die Magie des «Flecken Tibet»
Als wir am nächsten Morgen unsere Wanderschuhe schnüren, ist das Regal mit den bunten Crocs schon voll. Die anderen Wanderlustigen sind längst in den grünen und grauen Wellen der Motterascio-Alp verschwunden. Die Murmeltiere lugen schelmisch aus ihren Erdlöchern hervor, als wir den schmalen, steinigen Pfad Richtung Greina hinauftrotten. Links posiert stolz der Piz Coroi, rechts der Piz Canal, als wir das Tessin verlassen und vom Süden her Graubündner Boden betreten.
Gelb mit seinen weiss-roten Spitzen steht er da, der Wanderwegweiser. Erst jetzt können wir es richtig fassen, wir befinden uns inmitten der Greina. Die Zugluft riecht unfassbar frisch und kalt. Sie streicht über unsere Nacken und dringt bis unter unsere Kleidung. Sonnenstrahlen tanzen über das weite Feld aus Felsen und Flora. Knallgelber Wunderklee bewegt sich rhythmisch zum Sausen des Windes. Das Grün des Gebirgsmagerrasens, das Blau des Himmels und das weiche Weiss der Wolken fügen sich zu einem wohltuenden Muster zusammen, das die Wogen der inneren Unruhe glättet. Inmitten des Geschehens rauscht der Rein da Sumvitg.
Die Wanderung ist rein zeitlich nicht anspruchsvoll. Die nächste Bus-Alpin-Station liegt westlich in zwei Stunden Entfernung. Zwischen uns und der Capanna Motterascio liegen nur 45 Minuten. Wir beschliessen deshalb, nach Nordosten aufzubrechen, dem Plätschern des Wassers zu folgen und das Zentrum der Gebirgslandschaft Greina weiter zu erkunden. Die bohnenförmige Hochebene ist sechs Kilometer lang und einen Kilometer breit und liegt auf 2200 Metern über Meer. Sie war nie bewohnt, wurde in der Vergangenheit aber über mehrere Jahrhunderte für den Warenaustausch oder als Weidegebiet genutzt. Nach einer Pause, in der wir das Spiel der Wolken, der Sonne und des Windes weiter auf uns einwirken lassen, machen wir kehrt und begeben uns zurück auf den geplanten Weg.
Wer rettet die Greina?
Zwischen den Fünfzigern und Achtzigern war die Hochebene Objekt eines politischen Kampfes. Die Nordschweizerischen Kraftwerke und die Rhätischen Werke planten, die Greina zu überfluten und einen Stausee zu bauen. Umweltschützer*innen wehrten sich gegen das Vorhaben. Berühmte Stimmen des Widerstands waren der Naturwissenschaftler Pater Flurin Maissen und der Architekt Bryan Cyril Thurston. Letzterer klärte die Bevölkerung während 20 Jahren mit seiner Kunst über die Schönheit der «Plaun la Greina» auf. Das Projekt wurde schliesslich 1986 beerdigt, aufgrund einer zu tiefen Rentabilität.
Über den Greinapass gelangen wir zurück ins Tessin. Mit 2377 Metern über Meer bildet der Übergang den höchsten Punkt unserer Wanderung. Schliesslich geht es rund einen Kilometer bergab, dann lugt ein dreieckiges kleines Häuschen mit roten Fensterläden zwischen den Felsen hervor. Es ist die Capanna Scaletta. Wir trinken kühles Rivella und bewundern den Piz Medel, der in unmittelbarer Nähe in die Höhe ragt. Mit seinen 3211 Metern über Meer ist er der höchste Berg der umliegenden Gebirgslandschaft.
Von der Sonnenterrasse aus zu sehen sind auch schon ein Kiesplatz und eine gewundene Strasse, die zurück ins Bleniotal führt. Wir steigen einen kurvigen, steilen Pfad hinunter und schliessen uns anderen Naturfreund*innen an, die auf den Bus Alpin warten. Schweren Herzens verabschieden wir uns von diesem wundersamen Ort und rollen zurück nach Olivone.
Es gibt keine Bergbahnen oder direkten Strassen zur Greina. Stattdessen fährt der Bus Alpin zu drei besonders beliebten Zugängen. Auf der Tessiner Seite im Valle di Blenio startet der Bus Alpin in Olivone und bringt Wanderfreund*innen zum Lago di Luzzone oder nach Pian Geirett. Im Graubünden im Val Lumnezia startet er in Vrin und fährt bis Puzzatsch, im Val Sumvitg fährt er von Rabius nach Runcahez.