Mit Knallgelb für die Sicherheit der Kinder
«Fermar per uffants da scuola», «Fermatevi per gli scolari», «Arrêtez-vous pour les écolièr·es», «Stoppen für Schulkinder»: die Schulwegkampagne wendet sich in ihrem dritten und letzten Jahr erneut an die Autolenkenden. Was sie bewirkt und zu welchen Diskussionen sie geführt hat.
Seit Sommer 2022 ist sie auf den Schweizer Strassen zu sehen: die nationale Schulwegkampagne «Stoppen für Schulkinder». Mit klaren Botschaften spricht sie die Autolenkenden unmittelbar an Ort, Zeit und Stelle an: Mit Bannern um die Schulen, Plakaten entlang der Schulwege oder Radiodurchsagen zu Zeiten, in denen auch die Schülerinnen und Schüler unterwegs sind.
Die Botschaft auf den leuchtend gelben Plakaten bringt in drei Worten auf den Punkt, was zu tun ist: «Stoppen für Schulkinder». Wenig Text und grosse Buchstaben sind wichtig, damit die Aufforderung aus dem fahrenden Auto schnell erkannt wird. Das blaue «L» im Schriftzug, wie es bei Lernfahrten verwendet wird, deutet an, weshalb: Weil Kinder Lernende sind. Nicht nur in der Schule, sondern auch im Strassenverkehr.
Bei der Aktion «Stoppen für Schulkinder» bündeln fünf Organisationen ihre Kräfte, die für die Verkehrssicherheit von Schulkindern engagiert sind: Der VCS, Fussverkehr Schweiz, Ihre Polizei, der Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz sowie der Fonds für Verkehrssicherheit. Die Polizei machte mit zahlreichen Einsatzmitteln wie Plakaten, Leuchttafeln oder Social-Media-Posts auf die Kampagne aufmerksam und führte im Umfeld von Kindergärten und Schulen Sensibilisierungsaktionen, aber auch vermehrte Verkehrskontrollen durch.
Damit eine möglichst breite Bevölkerung die Botschaft «Stoppen für Schulkinder» versteht, gab es eine Zusammenarbeit mit Diaspora TV und die Kampagneninformationen wurden in mehreren Sprachen aufgearbeitet. Neben den Landessprachen gibt es Unterlagen auf Englisch, Spanisch, Portugiesisch, Albanisch, Kroatisch, Türkisch und Ukrainisch.
Machen Sie den Test
Kinder haben nebst der fehlenden Erfahrung aber auch weitere Nachteile. Sie haben durch ihre Grösse einen stark eingeschränkten Überblick über die Strasse. Ich empfehle allen, einmal folgenden Selbstversuch zu machen: Gehen Sie auf dem Trottoir vor einem Fussgängerstreifen in die Knie und beobachten Sie den Verkehr aus einer Höhe von 1,10 Metern – also etwa aus dem Blickwinkel eines sechsjährigen Kindes. Sie werden sehen, dass die Lagebeurteilung anspruchsvoller wird. So werden Sie nicht mehr über geparkte Autos hinwegsehen können.
Die Grösse ist aber nur das Offensichtliche. Kinder sind leichter ablenkbar, sie können noch nicht zuverlässig Distanzen und Geschwindigkeiten einschätzen, können Gefahren nicht vorhersehen und tragen im Vergleich zum erwachsenen Verkehrsteilnehmenden erst einen kleinen Erfahrungsrucksack mit sich.
Von der Polizei lernen die Kinder deshalb, erst die Strasse zu queren, wenn kein Fahrzeug in Sicht ist oder wenn die Räder der Fahrzeuge stillstehen.
Sicherheit mit Wirkung
Jede Kampagne erzielt erst Wirkung, wenn sie gesehen wird. Der Fonds für Verkehrssicherheit hat deshalb im Rahmen der Schulwegkampagne 1500 regelmässige Autofahrerinnen und -fahrer in der Schweiz befragt. Die Ergebnisse zur Reichweite sind erfreulich. 80 Prozent der Befragten hat die Kampagne mehrmals gesehen. Die Kampagne wird als sinnvoll (88 Prozent), klar und verständlich (84 Prozent) und glaubwürdig (86 Prozent) beurteilt. Die Kampagne motiviert drei Viertel der Befragten, über das eigene Fahrverhalten nachzudenken und etwas mehr als zwei Drittel wird motiviert, das eigene Verhalten zu ändern. Die Kampagnenaufforderung beurteilen sie als praktikabel: Das vollständige Anhalten am Fussgängerstreifen fällt besonders leicht (85 Prozent).
Platz für Kinder auf dem Velo
Im dritten und letzten Kampagnenjahr gilt der Fokus den Kindern, die den Schulweg auf dem Velo zurücklegen. Kinder sind auch auf dem Velo Lernende. Sie machen häufiger Fehler als erwachsene Velofahrerinnen und Velofahrer. Gerade jüngere Schulkinder haben Mühe, ihr Gleichgewicht zu halten und schwenken auch einmal unerwartet stark nach links aus – und damit in Richtung Fahrbahn der Autos. Und sie fühlen sich unsicher, wenn sie mit knappem Abstand überholt werden.
Ein ausreichender Überholabstand ist ein wichtiger Beitrag für die Sicherheit der Kinder. Darum: Überhole ich mit dem Auto ein Kind, das auf dem Velo unterwegs ist, passe ich das Tempo an und überhole mit mindestens 1,5 Metern Abstand. Damit schaffe ich Sicherheitsreserven. Ist sicheres Überholen nicht möglich, passe ich als Fahrzeuglenker meine Geschwindigkeit dem velofahrenden Kind an und überhole erst, sobald es gefahrenlos möglich wird.
Viel Wind um ein Handzeichen
Das Handzeichen, Fokusthema des vergangenen Schuljahres, hat viele Diskussionen ausgelöst. Wartet ein Kind am Fussgängerstreifen, winken es zahlreiche Automobilistinnen und Automobilisten mit einem Handzeichen über die Strasse. 60 Prozent der Autofahrenden gaben an, sich so zu verhalten. Mit bestem Gewissen und in Unkenntnis, dass dies falsch ist.
Denn die freundliche Geste kann Kinder ernsthaft in Gefahr bringen. Die Polizei rät daher dringend davon ab. Das Handzeichen vermittelt eine falsche Sicherheit. Mit einem Handzeichen einer erwachsenen Person vertraut das Kind darauf, dass es die Strasse sicher queren kann. Es achtet nicht mehr auf mögliche Gefahren. Doch wer weiss: Kommt auf der anderen Fahrbahn ein Auto? Schätzt die Fahrerin, der Fahrer im Auto dahinter die Situation falsch ein, ist gehetzt und will überholen? Kommt auf dem Velostreifen ein E-Bike aus dem toten Winkel angefahren?
Unterstützen wir die Kinder!
In der erwähnten, repräsentativen Befragung stimmten zwei Drittel der Autofahrerinnen und Autofahrer voll und ganz zu, dass sie als Autolenkende verantwortlich für die Sicherheit der Kinder sind. Leider sieht auch ein kleiner Anteil der Befragten die Hauptverantwortung bei den Kindern. Kinder sind Lernende. Die erfahrenen Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer müssen sie im Lernprozess unterstützen. Sind sie in einem zwei Tonnen schweren Fahrzeug unterwegs, liegt die Hauptverantwortung bei ihnen.