NEIN zu VERAS
Engpässe im Strassenverkehr mit grossen Ausbauten zu beseitigen, ist ein Konzept aus der Vergangenheit. Doch genau darum geht es bei VERAS: Es gibt Stau, also soll eine leistungsfähige Strasse auf die grüne Wiese – und teilweise unter die Wiese ins Grundwasser - gebaut werden! Die Folgen davon sind noch mehr Verkehr in den Quartieren und in den angrenzenden Ortschaften.
Wie viel darf eine Scheinlösung kosten? Oder: Was bringt VERAS?
Mit dem Mega-Strassenprojekt VERAS (Verkehrsinfrastruktur-Entwicklung Raum Suhr) plant der Kanton Aargau, den täglichen Pendler-Stau in und um die Agglomerationsgemeinde Suhr aufzulösen. Gegen das Projekt wurde das Behörden-Referendum ergriffen, weshalb es am 14. Juni im ganzen Kanton Aargau zur Abstimmung kommt.
Suhr ist mit etwas über 11‘600 Einwohnern eine der grösseren Gemeinden in der Agglomeration Aarau. Mit knapp 20‘000 Fahrzeugen pro Tag auf der Ost-West-Verkehrsachse, die durch das Dorfzentrum führt, ist Suhr verkehrstechnisch ein Problem. Soweit sind sich fast alle Akteure und politischen Lager einig. Die Schlussfolgerungen daraus und das ausgearbeitete Mega-Strassenprojekt des Kantons hingegen sind stark umstritten.
Ein rückwärts gerichtetes Projekt
Engpässe im Strassenverkehr mit grossen Ausbauten zu beseitigen, ist ein Konzept aus der Vergangenheit. Es ist hinlänglich bekannt, dass neue Strassen mittelfristig neuen Verkehr - und damit neue Probleme - generieren. Im Fall von VERAS trifft dies in besonderem Mass zu: Anwohnerinnen und Anwohner können ihr Auto nicht nutzen, weil der Stau so omnipräsent ist. Wenn nun der Verkehr auf den Hauptstrassen halbiert wird, Ohne flankierende Massnahmen zu ergreifen, werden viele Suhrerinnen und Suhrer wieder von Bus und Zug aufs Auto umsteigen. Mit dem Effekt, dass zusätzlich Mekrverkehr in den Quartieren entsteht, und dass die Verkehrsprobleme in den angrenzenden Ortschaften noch schneller eintreten.
Bahnübergänge: gut oder schlecht?
In Suhr spielen bei Verkehrsfragen Bahnübergänge eine grosse Rolle. Tatsächlich führen zwei Hauptverkehrsachsen über Bahnübergänge. Die Schliesszeiten der Schranken werden vom Kanton als wichtigen Grund für Rückstaus genannt, und auf der Projektwebseite wird gedroht, dass bei einer Ablehnung des Projekts wegen Taktverdichtungen bei der Bahn der Effekt noch zunehmen würde. Deshalb sei es nötig, die «längste Brücke des Kantons» (Zitat Projektwebseite) zu bauen. Dass diese dem Ortsbild und der Aufenthaltsqualität schaden wird, wird nicht erwähnt. Stattdessen wird auf die schöne geschwungene Form der Brücke hingewiesen. Und dass die Bahnschranken als Dosier-Anlage für den Verkehr dienen, der von Süden und Osten in den Ort drängt, wird auch ignoriert.
Ein teurer und heikler Tunnel als «Zückerchen»
Dass ein Strassenprojekt wie VERAS einen deutlichen negativen Einfluss auf die Natur und die Umwelt hat, können nicht mal die verbissensten Befürworter unterschlagen. Um das Projekt «verträglicher» zu machen, soll ein Teil der Strecke in einem Tunnel verlaufen. Dass der Tunnel, «einer der längsten Strassentunnel im Aargau» gemäss Projektwebseite, ins Grundwasser gebaut werden muss, wird als Argument für die hohen Projektkosten genannt. Und bei den Tunnelportalen seien verschiedene Varianten geprüft worden, um eine «qualitativ gute Gestaltung» sicher zu stellen. Dabei scheint es irrelevant, dass bei einem Verzicht auf den Tunnel das Grundwasser nicht gefährdet würde und die Landschaft durch keine gigantischen Tunnelportale belastet würde – Gestaltung hin oder her.
Nutzen für den Langsamverkehr?
Natürlich muss ein Grossprojekt wie VERAS auch Massnahmen für den Fuss- und Veloverkehr enthalten. Bei einer vertieften Betrachtung des Projekts fällt aber auf, dass beim motorisierten Individualverkehr geklotzt wird, beim Fuss- und Veloverkehr aber möglichst wenig getan wird. Dass auf der neuen Brücke der Fuss- und Veloverkehr vom Autoverkehr getrennt wird, kann kaum als Massnahme für den Langsamverkehr gelten, denn sie dient mindestens im gleichen Mass der Hindernisfreien Durchfahrt für Autos. Und dass auf der Projektwebseite als Massnahme für den Veloverkehr der Erhalt eines bestehenden Velostreifens genannt wird, ist schlicht schockierend peinlich!
Wer profitiert von VERAS?
Die alles entscheidende Frage – für wen bringt VERAS einen Nutzen? – zeigt das grösste Defizit auf: Die Planer:innen sind davon ausgegangen, dass «ein bedeutender Anteil der Durchgangsverkehr ausmacht» (gemäss Projekt-Webseite), und haben deshalb eine Umfahrung geplant. Wohlweislich werden die konkreten Zahlen nicht genannt, denn dann würde auffallen, dass ein noch grösserer Anteil der Quell- und Zielverkehr ausmacht. Und wer ins Dorf will, fährt ins Dorf und sicher nicht darum herum! Wer genau die Umfahrung nutzen würde, lässt sich daher nur mutmassen. Sind es die grossen Lastwagen, die von der nahen Autobahn kommen oder auf diese wollen? Oder sind es die Autofahrer, die dem Stau auf der Autobahn entkommen wollen und «Schleichwege» nutzen? Vielleicht ist es halt einfach interessanter, grosse Projekte zu planen, statt echte Lösungen mit dem bestehenden zu suchen.
Fazit: zurück an den Absender!
Für all das soll der Kanton Aargau, mit finanzieller Unterstützung durch die Gemeinden und dem Bund, das grösste Strassenprojekt gebaut werden, das der Kanton je geplant hat. Das hat seinen stolzen Preis: von den berechneten Kosten von fast 400 Mio. CHF – die tatsächlichen Kosten sind meist deutlich höher – entfallen fast 270 Mio. auf den Kanton Aargau, und die Eidgenossenschaft beteiligt sich mit fast 80 Mio. am Projekt. Unabhängig von der politischen Überzeugung fällt sicher jeder Person ein gutes Projekt ein, das mit diesen Mitteln umgesetzt werden könnte und der Bevölkerung einen Mehrwert bieten würde. Schluss mit Gigantismus und Teer-Fokussierung, NEIN zu VERAS!