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Lausanne Lebensräume 2045 Realutopien VCS
VCS/Reinventing Society/loomn

Wie sieht der Verkehr in 30 Jahren aus? Gibt man «Mobilität der Zukunft» in eine Bildersuchmaschine ein, zeigt das Ergebnis hauptsächlich autonome oder fliegende Autos, Glasgebäude und vernetzte Parkplätze. In dieser sterilen Kulisse ist nur wenig Platz für die Natur und noch weniger für den Menschen. Wenn der VCS den Begriff «Mobilität der Zukunft» verwendet, zielt er jedoch mehr auf eine Priorisierung des öffentlichen Verkehrs, des Velos und des Fussverkehrs. Die Zukunft darzustellen, ist nicht nur ein Gedankenspiel, sondern eine gesellschaftliche Herausforderung.

«Es wird einmal sein …»

Die Geschichten, die wir erzählen, begnügen sich nicht damit, die Realität zu beschreiben: Sie ordnen und hierarchisieren sie, indem sie aufzeigen, was zählt. «Im Kino, in den Medien oder in unseren Alltagsgesprächen sammeln wir Darstellungen, die unsere Interpretation der Welt formen und eine kollektive Vorstellung schaffen», sagt Oriane Sarrasin, Lehrbeauftragte und Forscherin für Sozialpsychologie an der Universität Lausanne.

In Filmen, Büchern oder Serien, die in der Zukunft spielen, ist das Szenario selten verlockend. Verschmutzte Megastädte, verwüstete Landstriche, ein von Gewalt geprägtes Überleben, isolierte oder robotisierte Menschen: Die Popkultur ist voll von düsteren Visionen dessen, was uns erwartet.

Auch im realen Leben muntert uns das aktuelle Geschehen kaum auf. Die Folgen der Klimaerhitzung erinnern uns jeden Tag daran, dass die Lage mehr denn je besorgniserregend ist. Als Antwort darauf gibt es zwei gegensätzliche, aber vorherrschende Szenarien: der «Technosolutionismus» und die apokalyptische Erzählung. Ersterer beruhigt uns, weil er sich auf die Innovationsfähigkeit des Menschen stützt. Die zweite lähmt uns, indem sie eine dem Untergang geweihte Welt zeichnet. Beide ermuntern uns dazu, der kollektiven Verantwortung zu entfliehen. Und vor allem demotivieren sie. Zwischen den beiden Extremen muss eine andere Vorstellung entstehen: jene einer gemeinsam gestalteten Zukunft, die auf Genügsamkeit und Zusammenarbeit beruht. 

Lösungen aufzeigen

«Damit der Mensch aktiv wird, zum Beispiel im Rahmen der Klimakrise, muss er das Gefühl haben, dass sein Handeln wirkt», sagt Sarrasin. Sie beschäftigt sich mit den Faktoren, die uns dazu bringen, nachhaltig zu denken oder zu handeln. «Mehr als Schilderungen der Zukunft brauchen wir solche, die Lösungen aufzeigen», präzisiert die Forscherin.

Genau das ist das Ziel des Projekts «Lebensräume 2045», das letztes Jahr vom VCS lanciert wurde. Zwölf realutopische Bilder zeigen, wie Bern, Lausanne, Genf, Basel, Chur oder Luzern in 20 Jahren aussehen könnten. Für Lausanne ist der Bahnhofplatz das Ziel dieser Zeitreise. Heute bedeckt ein Asphaltteppich einen Grossteil des Platzes, der sich vor dem grossen Bahnhofsgebäude erstreckt. Autos warten an den Ampeln und ein paar Menschen spazieren auf dem Trottoir. Auf dem Bild, das den Platz im Jahr 2045 zeigt, dominiert Grün; es definiert die Räume und schafft Schatten. Die Strasse wird zu Fahrbahnen für Busse und Velos, rundherum gehen die Menschen zu Fuss. Das Ergebnis zeigt die Vision und das Engagement des VCS. Vor allem sollen sich alle damit in eine konkrete und möglichst erstrebenswerte Zukunft ersetzen können.

Man schätzt, was man kennt

Oriane Sarrasin kennt das Projekt «Lebensräume 2045», da sie auch Co-Präsidentin der VCS-Sektion Waadt ist, wenngleich sie nicht in den Entstehungsprozess involviert war. Aus ihrer Sicht als Psychologin erzielen diese Bilder auf uns eine Wirkung, indem sie bestehende Orte zeigen und keine imaginären futuristischen Städte. «Wenn ich das Bild des Bahnhofs Lausanne von 2045 betrachte, vergleiche ich es zwangsläufig mit dem Platz, wie ich ihn jetzt kenne», kommentiert sie. In der Gegenüberstellung mit der heutigen Situation entwirft das realutopische Bild ein Kaleidoskop von Lösungen, die eine in unseren Augen mögliche Zukunft bilden. 

Die psychologische Forschung hat gezeigt, dass wir dazu neigen, das zu bevorzugen, was wir bereits gesehen, gehört oder erlebt haben. «Dieser kognitive Bias, der sogenannte Mere-Exposure-Effekt, wird in der Werbung häufig genutzt», erläutert Oriane Sarrasin. «Je öfter wir ein Bild sehen, desto normaler und akzeptabler erscheint es uns.»

Das Verbreiten positiver Berichte mit Bildern von friedlichen Städten, Fuss- und Veloverkehr und geteilten Räumen hilft mit, die Idee zu verankern, dass diese Zukunft nicht nur möglich, sondern auch wünschbar ist.

Wahl der Wörter und Bilder

Positive Berichte sind wichtig, weil sie zeigen, was wir bei einem Paradigmenwechsel zu gewinnen haben. Entscheidend ist dabei die Wortwahl. Von Genügsamkeit zu sprechen, weckt häufig eine negative Assoziation, die mit Entzug und Verlust von Komfort, Vergnügen oder gar Freiheit einhergeht. Betrachten wir die Bilder der Schweiz von 2045, sehen wir zum Beispiel, dass der Raum für das Auto eingeschränkt wurde. Nun mag das Gehirn keine Verluste. Es reagiert deshalb auf den negativen Input mit spontanem Widerstand. Die gleiche Geschichte kann jedoch aus anderer Perspektive erzählt werden, indem man die Vorteile einer Veränderung – was man dabei gewinnen kann – aufzeigt, insbesondere auf Gemeinschaftsebene.

Sarrasin veranschaulicht das am Beispiel der aktuellen Tempo-30-Diskussion. Als Grossrätin des Kantons Waadt erlebt sie, dass sich Politiker*innen aus Parteien, die Tempo 30 bekämpfen, Geschwindigkeitsreduktionen in ihren Gemeinden befürworten. Diese Politiker*innen sind vom Nutzen überzeugt, weil sie die höhere Verkehrssicherheit und die bessere Lebensqualität selbst erfahren haben. Das zeigt zum einen, dass Ortskenntnisse und persönliche Erfahrungen ideologische Haltungen ins Wanken bringen können. Zum andern spricht es dafür, den konkreten Nutzen von Massnahmen hervorzuheben, die im ersten Moment als einschränkend wahrgenommen werden.

Der Weg für ein neues Narrativ muss also sein, Lösungen, lokale Erfolge und inspirierende Initiativen aufzeigen. Diese rücken die positiven Folgen und die realen Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Menschen ins Zentrum. «Um zu mobilisieren, muss man Lust erzeugen», bilanziert Sarrasin.