Eine Aufgabe, die uns alle angeht
Gewohnheiten, die Wahrnehmung der Eltern, die Wünsche der Kinder, aber auch die Prioritäten der Behörden beeinflussen, wie ein Kind seinen Schulweg zurücklegt. Der VCS engagiert sich mit verschiedenen Kampagnen, den Schulweg zu Fuss und mit dem Velo zu fördern.
Seit über zehn Jahren erarbeitet der VCS partizipativ Mobilitätskonzepte für Schulen. Durch die von Kindern und Eltern ausgefüllten Fragebögen zum Schulweg konnten bisher nicht vorhandene Daten erhoben werden. Sie helfen dabei, besser zu verstehen, warum welches Verkehrsmittel für den Schulweg gewählt wird.
In den vergangenen Monaten hat das Forschungsbüro 6t, unterstützt von der Genfer Stiftung Modus, über 10 000 im Rahmen von VCS Mobilitätskonzepten Schule im Kanton Genf ausgefüllte Fragebögen analysiert. Die Untersuchung ist eine längst fällige Premiere: «Zum Verkehrsverhalten der Kinder in der Schweiz gibt es nur wenige Studien, und kaum eine berücksichtigt die Perspektive der Kinder», sagt Emilie Roux, Projektleiterin für Schulwegsicherheit beim VCS.
Auf Wünsche der Kinder eingehen
Die Antworten der Kinder und der Eltern aus den Fragebögen wurden von einer Gruppe von Expert*innen für Mobilität, Verhaltenspsychologie und Gesundheit analysiert. Die Daten beinhalten wertvolle Informationen zur Art und Weise, wie Familien unterwegs sind, aber auch dazu, wie die Kinder gerne zur Schule gehen würden. So zeigt sich etwa, dass die allermeisten Schulwege im Kanton Genf zu Fuss zurückgelegt werden. Viele Kinder nähmen aber lieber das Velo oder das Trottinett. Um den Kindern dies zu ermöglichen, unterstützt der VCS die Eltern etwa beim Organisieren von Velobus-Linien.
Der Velobus funktioniert nach dem bewährten Prinzip des VCS Pedibus (ein «Schulbus auf Füssen») und wurde mit der langjährigen Erfahrung des VCS entwickelt: Eine Gruppe Kinder fährt unter Anleitung und in Begleitung einer erwachsenen Person mit dem Velo zur Schule. Zentral ist der Einbezug der Erwachsenen: Von ihnen kommt der Impuls, andere Kinder mitzunehmen und in einem Quartier eine Velobus-Linie zu gründen. Eine Velobus-Linie ist ein echter Mehrwert für die Veloförderung. Einerseits können bestehende Velogruppen zögernde Familien zum Mittun inspirieren, andererseits stossen Velobus-Linien Behörden vor Ort dazu an, sichere Velorouten zu schaffen. Legt eine Gemeinde Velowege für die Kinder an, profitieren alle Velofahrer*innen.
Kampagnen wie der Velobus oder der Pedibus haben einen direkten Einfluss auf die Sozialisation und Integration der Familien sowie auf die Gesundheit der Kinder. Der Schulweg gibt den Kindern die Möglichkeit, einen Teil der notwendigen körperlichen Bewegung im Freien zu verwirklichen. Überdies sind Kinder, die zu Fuss oder mit dem Velo zur Schule kommen, im Unterricht konzentrierter und sie werden seltener krank.
Aus Teufelskreis aussteigen
Die Auswertung der Fragebögen für die Genfer Studie hat ergeben, dass 9 Prozent der Eltern ihre Kinder mit dem Auto zur Schule bringen. Die angegebenen Gründe sind vor allem «praktischer» Natur: etwa befinde sich die Schule auf dem Weg zur Arbeit, den die Eltern sowieso mit dem Auto zurücklegten. Einen Einfluss hat auch die Wahrnehmung der Sicherheit: Eltern und Kinder geben an, die Dichte und die Geschwindigkeit des Autoverkehrs auf dem Schulweg mache ihnen Angst.
Lisa Moussaoui ist Verhaltensspezialistin und hat an der Studie mitgearbeitet. Sie hat die unseren Entscheiden zugrundeliegenden Verhaltensmechanismen analysiert: «Eltern, die den Schulweg für zu gefährlich halten, als dass man ihn zu Fuss zurücklegen könnte, entscheiden sich dafür, ihre Kinder mit dem Auto zur Schule zu fahren. Damit tragen sie just zum zugrundeliegenden Problem bei.» Ein soziales Dilemma, also eine Situation, in der das unmittelbare Verfolgen des eigenen Interesses zu einem Ergebnis führt, das langfristig für alle schädlich ist – wir sprechen auch von der «Tragik der Allmende». Kurz und umgangssprachlich: die Katze beisst sich in den Schwanz und die Sicherheit geht flöten.
Spielerisch zu Verhaltensänderungen
Mit den richtigen Massnahmen (kollektive sowie Fördermassnahmen) lässt sich diese «Tragik der Allmende» oder soziale Falle umgehen. Moussaoui erwähnt insbesondere autofreie Tage, an denen Eltern und Kinder andere Lösungen testen und so deren Vorteile selbst erleben können. «Der Sinn solcher Tage im Hinblick auf das soziale Dilemma ist, die Bereitschaft zum Mittun der anderen zu erleben und zu sehen, dass sich die Sicherheit verbessert, wenn alle mitmachen.»
In diesem Sinn motiviert und unterstützt der VCS die Schulen mit den Aktionswochen «walk to school» und dem Internationalen Tag «Zu Fuss zur Schule». Letzterer wird Jahr für Jahr im September organisiert und hat in der Westschweiz und im Tessin grossen Erfolg. Im Zentrum steht der Festcharakter: bunte Umzüge, Clowns und Strassenmusikant*innen laden dazu ein, den Schulweg und die damit verbundenen Abenteuer zu feiern.
Die «walk to school»-Aktionswochen sind als Challenge gestaltet. Kindergarten- und Schulklassen legen den Schulweg zu Fuss zurück und sammeln dabei Punkte. Die Integration von Spielmechanismen (Gamification) wirkt dabei mobilisierend. Im Herbst 2025 nahmen 15 000 Kinder aus 22 Kantonen an «walk to school» teil – damit konnten die Aktionswochen, erneut und wie bisher immer, den Vorjahresrekord schlagen.
Den öffentlichen Raum neugestalten
Diese zeitlich begrenzten spielerischen Aktionen sind ein gutes Mittel, um Kinder, Lehrer*innen und Eltern zu mobilisieren. Doch damit Verhaltensänderungen Bestand haben, müssen sie von konkreten Massnahmen, insbesondere im öffetlichen Raum, begleitet sein. «Schulstrassen etwa, die permanent oder temporär für den Autoverkehr gesperrt sind, lassen sich einfach und schnell umsetzen und sind sehr wirkungsvoll», sagt VCS-Expertin Roux.
Die wenigen Schulstrassen in der Schweiz haben sich bereits bewährt: Der Autoverkehr um die Schulhäuser fällt weg und die Sicherheit und der Anteil zu Fuss oder mit dem Velo zurückgelegter Schulwege nimmt zu. Sich auf Anpassungen rund um Schulhäuser zu beschränken, würde aber zu kurz greifen: Der Schulweg beginnt vor der Haustüre jedes einzelnen Kindes, führt durch Strassen und durchquert Quartiere oder ein ganzes Dorf, bevor er vor dem Schulhaus endet.
Eine Aufgabe nicht nur für die Schule
Deshalb braucht es nebst den VCS-Schulwegkampagnen intensive politische Arbeit. Der VCS setzt sich vehement gegen die Angriffe auf Tempo-30-Zonen ein, weil tiefere Geschwindigkeiten zweifellos die Sicherheit aller fördern – ob zu Fuss, mit dem Velo, dem Trottinett oder mit dem Auto. Die Bedeutung der Geschwindigkeit für das Sicherheitsempfinden sowohl der Eltern als auch der Kinder hat die Studie zu den VCS Mobilitätskonzepten Schule denn auch bestätigt.
Eine entscheidende Rolle spielen auch die Gemeinden. Sie gestalten ihren eigenen Perimeter. Aber auch indem sie ansässige Unter nehmen dabei unterstützen, die Arbeitnehmer*innen zu motivieren, den Arbeitsweg zu Fuss, mit dem Velo oder mit dem ÖV zurückzulegen, fördern sie positive Verhaltensänderungen. Denn wie jemand seinen Arbeitsplatz erreicht, bestimmt auch dessen Gewohnheiten für die anderen im Alltag zurückgelegten Wege – und entscheidet damit auch darüber, ob Kinder mit dem Auto zur Schule gefahren werden oder nicht.
Wenn Kinder einen sicheren Schulweg haben sollen, setzt das Handeln auf allen Ebenen voraus, das Fördern lokaler Initiativen, das Neudenken des öffentlichen Raums und das Verfolgen einer kohärenten Verkehrspolitik. Sichere Schulwege sind nicht das Ergebnis einzelner Interventionen, sondern eine Entscheidung der gesamten Gesellschaft. So können wir den Kindern die Chance geben, sich frei zu bewegen und in einer Welt aufzuwachsen, die sie erforschen können und die sie schützt, statt sie einzuschränken.
Wir engagieren uns dafür, dass alle Kinder sicher und selbstständig zur Schule gehen können – zu Fuss, mit dem Trottinett oder mit dem Velo. Als Kompetenzzentrum für Schulwegsicherheit setzen wir in unseren gezielten Kampagnen Lösungen mit Schulen, Eltern, Gemeinden und Polizeien um, bei denen die Bedürfnisse der Kinder im Zentrum stehen. Möchten Sie für sichere Schulwege in Ihrem Quartier sorgen? Haben Sie Fragen oder brauchen Sie eine Auskunft? Kontakte und Infos zu unseren Kampagnen finden Sie unter verkehrsclub.ch/schulweg.