Nein-Komitee eröffnet Abstimmungskampf gegen die Megastrasse zum See
Die geplante «Kantonsstrasse zum See» mit dem Autobahnanschluss in Goldach und Rorschach weckt Widerstand. Eine breite Allianz aus Verbänden und Parteien bekämpft die Vorlage – aus vielerlei Gründen.
Der dicke Nebel versperrt die Seesicht. Normalerweise hätte man aus dem ehemaligen Restaurant Hohrain in Goldach eine perfekte Sicht auf den See und einen der letzten unbebauten Hänge der Stadt. Der Ort der Me- dienorientierung wurde von den Vertreter:innen des Nein-Komitees zur Megastrasse zum See nicht zufällig ausgewählt: Am Hang soll – wenn es nach den Plänen des Kantons geht – bald eine Grossbaustelle stehen. Ein neuer Tunnel Hohrain soll den Auto- und Schwerverkehr noch direkter von der Autobahn in die Zentren von Gold- ach, Rorschach und Rorschacherberg bringen.
Die Vorlage steht am 8. März zur Abstimmung. Das Projekt umfasst einen dritten Autobahnanschluss und eine neue Megastrasse bis zum See hinunter. Gut zwei Kilometer Strasse, die insgesamt 330 Millionen Franken kosten soll. «Das bedeutet: Ein einziger Meter dieser Strasse kostet rund 150‘000 Franken. Das ist ein absoluter Rekord», rechnet Noam Leiser, Präsident der SP Kanton St.Gallen. «Noch nie wurde im Kanton St. Gallen so viel Geld für so wenig Strasse ausgegeben.»
Überdimensioniertes Bauprojekt
Tatsächlich kostete beispielsweise bei der Umfahrung Bütschwil ein Meter Strasse «nur» 52‘600 Franken. Und das, obwohl es dort noch 1,4 km Tunnel gibt. «Das ist kein gewöhnliches Infrastrukturprojekt, sondern ein völlig aus dem Ruder gelaufenes Prestigeprojekt», so Leiser. Ruedi Blumer, Präsident des VCS St.Gallen/Appenzell, fügt hinzu, dass der Verkehr auf den betroffenen Strassen in den letzten Jahren gar leicht zurückgegangen sei. So steht es auch im Umweltverträglichkeitsbericht :«Tendenziell nimmt der Verkehr eher ab», ist dort zu lesen. «Das ist erfreulich, spricht aber bestimmt nicht für eine neue Luxusstrasse», so Blumer.
Margrit Zürcher, Anwohnerin aus Goldach, weist auf die Belastung für die lokale Bevölkerung hin: «Wir sind schon heute geplagt von Autoposern.» Die neue Strasse würde mitten durch ihr Quartier führen und mehr Verkehr mit noch mehr Lärm, Klimagase, Feinstaub und Pneuabrieb verursachen. Eine ganze Häuserreihe, die heute günsti- gen Wohnraum für Familien bietet, müsste weichen. Ebenso ein Pflegeheim, das heute ein Zuhause für Menschen mit Demenz ist. Das Heim wurde erst 2008 mit einem Neubau erweitert, um die Menschen in zeitgemässen Räu- men zu betreuen.
Kulturland würde zerstört
Doch nicht nur für die Quartiere, auch für die Landwirtschaft und letzlich die Ernährungssicherheit hätte das Strassenbauprojekt negative Auswirkungen. Daniel Bosshard, Präsident der Grünen im Kanton St.Gallen, nennt
die schützenswerten Fruchtfolgeflächen als Beispiel. «In einer Zeit der unsicheren Weltlage, in der gerade auch von bürgerlicher und landwirtschaftlicher Seite immer wieder darauf hingewiesen wird, dass die Versorgungs- sicherheit der Schweiz gewährleistet werden muss, darf nicht wertvolle Landwirtschaftsfläche für ein unnötiges Luxus-Strassenprojekt geopfert werden.»
Alternativen sind bereits da
«Nachhaltige Entwicklung setzt auf Massnahmen, die den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen entspre- chen», sagt Franziska Ryser, Co-Präsidentin von Umverkehr. «Die Realität zeigt deutlich, dass diese Entwicklung bereits stattfindet. Trotz Bevölkerungswachstum ist das Verkehrsaufkommen in den letzten Jahrzehnten kaum gestiegen. Nicht, weil die Menschen weniger mobil wären – sondern weil sie anders mobil sind.» Mehr Strassen erzeugen mehr Verkehr, darüber ist man sich in der Wissenschaft einig.
Ryser zeigt aus dem Fenster auf die grüne Wiese: «Die Bodenseeregion lebt von ihrer schönen Landschaft, von der Nähe zum See, von ihrer hohen Aufenthalts- und Lebensqualität. Eine überdimensionierte Verkehrsinfra- struktur mitten in diesem sensiblen Raum gefährdet diese Qualitäten.» Der See ist immer noch unter dem Nebel verborgen. Als wolle er sich vor dem drohenden Verkehr verstecken.