Wie das Simmental blieb
Vor 40 Jahren beerdigte das Schweizer Parlament die geplante Rawil-Autobahn. Bis heute ist es nur einer von drei Fällen, in denen ein Nationalstrassenprojekt aus dem Netzbeschluss gestrichen wurde. Eine alte Geschichte mit erstaunlich vielen Parallelen zu heute.
Im September 1986 stimmte der Ständerat als zweite Kammer dem Antrag zu, die Rawil-Autobahn aus dem Bundesbeschluss über das Nationalstrassennetz zu streichen. Der Nationalrat hatte denselben Entscheid bereits im März gefällt. Eine direkte Autobahnverbindung von Bern nach Sitten, seit 1966 im Netzbeschluss verankert, war damit Geschichte.
Ein Tal wäre verschwunden
Der Verlauf der Rawil-Autobahn war bereits konkret geplant: Von Spiez hätte sie durch das Simmental bis an die Lenk geführt. Dann wäre sie neben den Iffigfällen durch einen rund zehn Kilometer langen Tunnel auf die Südseite geführt worden und unterhalb des Tseuzier-Staudamms wieder ans Tageslicht gekommen. Die Ingenieure des Bundesamts für Strassen sahen das Simmental schlicht als Transitraum. Doch was sie auf ihren Karten als nutzbares Flachland lasen, waren gewachsene Kulturlandschaften, fruchtbare Böden und wertvolle Lebensräume entlang der Simme.
Der Naturfotograf Ernst Zbären erkannte diese Werte und handelte. Er gründete den Verein Pro Simmental und organisierte im Mai 1976 eine Pressefahrt mit eigens dafür erstellten Visualisierungen: Erstmals konnten Journalist*innen sehen, welche Auswirkungen die Autobahn hätte. Künftig würde ein Betonstreifen quer durchs Tal führen. Zbärens Bilder wirkten. Und plötzlich beschäftigte der Schutz des Simmentals die ganze Schweiz.
Die Natur lieferte kurz darauf ebenfalls ein Gegenargument. Für den geplanten Tunnel wurde auf der Walliser Seite ein Sondierungsstollen erstellt. 1979 brach Wasser ein, das Karstgestein bewegte sich und am Tseu zier-Staudamm zeigten sich Risse. Der See musste notgeleert werden. Der Bundesrat hielt dennoch an seinen Plänen fest.
134 000 Unterschriften in sechs Monaten
Erst der Druck aus der Bevölkerung brachte die Wende. 1982 lancierten Pro Simmental und Franz Webers Helvetia Nostra die Volksinitiative «Für die Rettung des Simmentals vor Nationalstrassen» – und sammelten in etwas mehr als sechs Monaten über 134 000 Unterschriften. Das Signal zeigte Wirkung: Das Parlament strich das Projekt, noch bevor das Volk darüber befinden musste.
Die geplante Autobahn durchs Simmental ist bis heute einer von nur drei Fällen, in denen ein Nationalstrassenprojekt aus dem Netzbeschluss gestrichen wurde. 2020 wurde der Abschnitt von Schaffhausen bis zur deutschen Grenze gestrichen, 2024 das Zürcher Y beim Hauptbahnhof – drei in fast sechzig Jahren Nationalstrassennetz, immerhin.
Und der Lerneffekt? Der ist begrenzt, wie die jüngste Geschichte zeigt. Im November 2024 lehnte das Stimmvolk den «Ausbau schritt 2023 für die Nationalstrassen» mit 52,7 Prozent ab. Eine breite Allianz unter Führung des VCS wies dezidiert auf die langfristig kontraproduktive Wirkung zu sätzlicher Autobahnkapazitäten hin.
Rösti und das Déjà-vu
Doch Bundesrat Albert Rösti liess sich vom Volksentscheid wenig beeindrucken. Er schloss nicht aus, dass abgelehnte Projekte bis 2045 wieder ins Ausbauprogramm auf genommen werden könnten – darunter Vorhaben für die Regionen Basel, St. Gallen und Schaffhausen. Zwei dieser Projekte – der Rheintunnel in Basel und der Rosenberg tunnel in St. Gallen – erhielten in einem von Rösti in Auftrag gegebenen ETH-Gutachten sogar höchste Priorität. Für den VCS ist das eine undemokratische Wiederaufnahme durch die Hintertür.
Das Echo aus dem Simmental von 1986 ist unüberhörbar: Auch damals hielt der Bundesrat lange an seinen Plänen fest. Der Einsatz der Zivilgesellschaft gegen das Vorhaben dauerte über ein Jahrzehnt. Die Hartnäckigkeit zahlte sich aus: Anstatt einer Autobahn verbindet heute der Lötschberg-Basistunnel die Kantone Bern und Wallis schnell, leise und zuverlässig.