Die bequeme Akzeptanz des angeblich Unausweichlichen
Verkehr ist eine gestaltbare Grösse. Wir können ihn aktiv steuern, etwa durch den konsequenten Ausbau des öffentlichen Verkehrs sowie die Förderung von Velo- und Fussverkehr.
Die Autolobby stellt das Verkehrswachstum gerne als Naturgesetz dar. Damit sei es als unausweichliche Folge von Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum zu akzeptieren. Diese Auffassung dient politischen Zielen. Wenn immer mehr Verkehr als unaufhaltsame Gegebenheit dargestellt wird, erübrigt sich die Frage nach dessen Gestaltung. Und es bleibt nur die Forderung nach dem Ausbau der Autobahnen. Dieser scheinbaren Logik ist die Schweizer Verkehrspolitik über Jahrzehnte gefolgt und mit dieser Argumentation warb der Bundesrat auch im Jahr 2024 für Milliardeninvestitionen in die Nationalstrassen. Zum Glück hat dies bei einer deutlichen Mehrheit nicht verfangen. Leider ist damit die Diskussion nicht vorbei und die Ausbaubefürworter*innen halten weiter an ihrer Argumentation fest.
Doch der Strassenverkehr ist eben kein Naturgesetz. Indem wir neue Kapazitäten schaffen, steigt auch die Nachfrage. Es entsteht induzierter Verkehr – den es sonst gar nicht gegeben hätte. Oder einfacher gesagt: Mehr Platz lockt mehr Autos an.
Das müssen wir nicht hinnehmen. Verkehr ist eine gestaltbare Grösse. Wir können ihn aktiv steuern, etwa durch den konsequenten Ausbau des öffentlichen Verkehrs sowie die Förderung von Velo- und Fussverkehr (mehr dazu im Interview mit Denise Belloli).
In Birsfelden (BL) kämpft die Bevölkerung mit den Folgen des jahrzehntelangen Wachstums des Strassenverkehrs. Der Ausweichverkehr der nahen A2 verstopft die Hauptstrasse, Automobilist*innen weichen immer mehr auf die Quartierstrassen aus. Die Gemeinde wehrt sich gegen diese Überlastung und verhängt Bussen. Kameras erfassen die durchfahrenden Fahrzeuge – wer sich kürzer als 15 Minuten dort aufhält und das Quartier nicht auf dem gleichen Weg verlässt, wird gebüsst. Das funktioniert, der Verkehr durch das Quartier nahm drastisch ab. Doch der mediale Aufschrei war gross, zahlreiche empörte Autofahrer*innen beklagen sich lauthals. Selbst das Bundesamt für Strassen ASTRA fällt der Gemeinde in den Rücken und bezeichnet das System als «indirektes Roadpricing». Direktor Röthlisberger sagte dazu gegenüber der Rundschau von SRF, er wollte ja die Autobahn bei Birsfelden (Rheintunnel Basel) ausbauen, um den Ausweichverkehr zu verhindern, nur habe das Volk leider Nein gesagt. Andere Lösungsvorschläge hat das ASTRA nicht – man hat schliesslich die Aufgabe, Strassen zu bauen.
Doch Birsfelden zeigt: wir haben es in der Hand. Wir können den Verkehr bewusst gestalten.