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VCS Magazin 3 26 Interview Kinder und Bewegung 1
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Wie sieht ein idealer Tag eines zehnjährigen Kindes punkto Bewegung aus?

Aus meiner Perspektive – Public Health und Epidemiologie – auf das Bewegungsverhalten ist ein idealer Tag nicht unbedingt ein Tag mit viel Sport, sondern ein Tag, an dem das Bewegungsverhalten gut rhythmisiert und ausgeglichen ist und es zu vielseitigen Bewegungserfahrungen kommt. So entstehen nachhaltige Effekte für die Gesundheit.

Johanna Haenggi
Sportamt Stadt Zürich
Johanna Hänggi ist Sportwissenschafterin und arbeitet beim Sportamt der Stadt Zürich.

Welche Arten von Bewegung zählen dazu?

In der Forschung sprechen wir von gesundheitswirksamer Bewegung. Lange Zeit lag der Fokus auf den Minuten in moderater bis intensiver Bewegung. Später verlagerte er sich auf sitzende Aktivitäten, die mit negativen gesundheitlichen Folgen verbunden sind. Heute werden die ganzen 24 Stunden angeschaut, die aufgeteilt sind in sitzendes Verhalten, leichte Aktivität und moderate bis intensive Aktivität. Auch Schlaf gehört dazu. Wichtig ist die Verteilung über den Tag. Langes Sitzen ist ungünstig und sollte immer wieder unterbrochen werden können. Und auch leichte Aktivitäten haben positive Effekte auf die Gesundheit. Die Bewegungsempfehlung für Kinder liegt bei 60 Minuten moderater bis intensiver Aktivität am Tag. Es muss nicht eine Stunde am Stück sein. Dazu dreimal pro Woche sportliche Aktivitäten, welche die koordinativen Fähigkeiten oder die Muskelkraft fördern.

Was würde das für unser zehnjähriges Kind bedeuten?

Der ideale Tag würde viel Alltagsaktivität ermöglichen. Mit dem Velo, zu Fuss oder mit dem Trotti zur Schule, Spiel, Pausen oder freie Zeitgefässe, in denen es sich bewegen kann – und genügend Schlaf. Kinder haben einen natürlichen Bewegungsdrang. Ob dieser im Alltag zum Tragen kommt, hängt jedoch stark von ihrem sozialen und räumlichen Umfeld ab. In unseren hochindustrialisierten Kontexten nimmt die körperliche Aktivität mit dem Alter ab. Ein zehnjähriges Kind befindet sich bereits in einer Übergangsphase. In dieser Phase ist es umso wichtiger, dass dieser Bewegungsdrang ausgelebt werden kann.

Welche Bedeutung hat Sport im Verein für Kinder?

Für die SOPHYA-Studie (mehr dazu im Kasten) haben wir die Alltagsbewegung von Kindern und Jugendlichen sieben Tage lang mit Bewegungsmessern aufgezeichnet und ihre Teilnahme am organisierten Sport untersucht. Dabei haben wir beobachtet, dass Kinder, die bereits körperlich aktiver sind, eher in einen Sportverein eintreten und dort auch länger bleiben.

Kinder, die bereits ein Bewegungsdefizit haben, finden hingegen weniger schnell den Einstieg in den organisierten Sport, und wenn sie ihn gefunden haben, treten sie schneller wieder aus. Bei jüngeren Kindern spielt die informelle Bewegung im Alltag noch eine besonders wichtige Rolle. Im Gegensatz zu Erwachsenen bewegen sie sich spontan: rasch aufstehen, herumrennen, wieder absitzen. Dieses spontane, unstrukturierte Verhalten nimmt mit dem Alter ab. Dann beginnt der organisierte Sport eine immer grössere Rolle zu spielen, weil dort die Bewegungszeit geholt werden kann.

Wie lässt sich ein Kind zu (mehr) Bewegung motivieren?

Motivation war kein Schwerpunkt unserer SOPHYA-Analysen. Aus der Forschung wissen wir aber, dass vielfältige positive Bewegungserfahrungen, Freude an Bewegung, Bewegungskompetenz und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, dazu beitragen können, dass Kinder motiviert sind, sich zu bewegen. Ebenso wichtig sind ausreichend Freiräume für spontane Bewegung. Diese scheinen im Alltag kleiner geworden zu sein, weil der Tagesablauf vieler Kindern heute sehr strukturiert ist.

Können aus inaktiven Kindern später aktive Jugendliche werden?

Das Verhalten ist immer veränderbar. Deswegen sollte die Bewegungsförderung nicht im Kindesalter aufhören. Gerade das Jugendalter ist eine sehr sensible Phase mit vielen Umstellungen, etwa dem Schulabschluss oder dem Start der Lehre.

Welchen Einfluss hat Bewegung auf die psychische Gesundheit und auf die Konzentrationsfähigkeit der Kinder?

Ich würde diese beiden Aspekte fachlich trennen. In der Forschung gibt es klare Hinweise darauf, dass körperliche Aktivität schützend für die psychische Gesundheit ist. Je nach Endpunkt, zum Beispiel depressive Symptome, Angststörungen oder soziale Integration, unterscheidet sich die Evidenz. Aber im Allgemeinen würde ich sagen, dass es klare Hinweise für die positiven Einflüsse von körperlicher Aktivität und Sport auf die psychische Gesundheit gibt. Das gilt ebenso für die kognitiven Funktionen und die schulischen Leistungen. Bewegung hat einen kurzzeitigen Effekt auf die kognitive Leistung.

Ob diese Wirkungen über viele Jahre bestehen bleiben, ist bisher allerdings noch wenig untersucht. Dafür braucht es Langzeitstudien. In der SOPHYA-Studie haben wir ausserdem positive Effekte auf das schulische Wohlbefinden und auf die Stresstoleranz gesehen.

Der ideale Tag würde viel Alltagsaktivität ermöglichen. Mit dem Velo, zu Fuss oder mit dem Trotti zur Schule, Spiel, Pausen oder freie Zeitgefässe, in denen es sich bewegen kann – und genügend Schlaf.

Welchen Einfluss haben die Eltern?

Aktive Eltern haben tendenziell aktivere Kinder – unabhängig vom Bewegungsumfeld.

Und welche Rolle spielt Letzteres?

Um den Begriff «bewegungsfreundlich» zu definieren, stützten wir uns einerseits auf die Einschätzung der Eltern. Schätzen sie die Wohnumgebung als sicher ein, gibt es Zugang zu Spielmöglichkeiten, wie ist die Verkehrssituation? Andererseits haben wir geschaut, wie hoch die Hauptstrassendichte im Umkreis von 200 Metern um die Wohnadresse der Kinder ist und wie viele Grünflächen es gibt. Beides hat, auch unabhängig voneinander, einen Einfluss.

Bewegen sich Kinder weniger, wenn im Haushalt ein Auto zur Verfügung steht?

Es gab einen leichten Trend, dass körperliche Aktivität mit Auto eher geringer ist als ohne Auto. Die Gruppe war aber sehr klein und die Zahlen sind daher nicht signifikant.

Gibt es einen Röstigraben beim Bewegungsverhalten?

Ja, die Kinder in der Deutschschweiz sind körperlich aktiver als die Kinder in der Romandie und im Tessin. Bei den Jugendlichen gleicht es sich etwas an, aber die Teilnehmer*innen aus der Deutschschweiz waren auch dann noch körperlich aktiver.

Welche Rolle spielt der Schulweg?

Kinder, die mit dem Velo, dem Trotti oder zu Fuss in die Schule gingen, waren körperlich aktiver als Kinder, die das nicht gemacht haben. Der Schulweg ist etwas Regelmässiges. Daher ist er ein wichtiges Gefäss fürs Bewegungsverhalten.

In der SOPHYA-Studie haben wir allerdings den Schulweg nicht spezifisch untersucht. Wichtig wäre ein vertieftes, regelmässig wiederholtes Schulwegmonitoring, das Route, Selbstständigkeit, Begleitung und Schulwegumgebung erfasst. Die Begleitung derselben Kinder könnte zusätzlich zeigen, wann und warum sich ihr Schulwegverhalten verändert. Solche Längsschnittstudien sind jedoch aufwändig und selten.

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Das Wohnumfeld hat einen Einfluss auf das Bewegungsverhalten von Kindern.

Was können Politik oder Gemeinden tun, um die Bewegung bei Kindern im Alltag zu fördern?

In der SOPHYA-Studie haben wir die Evidenz aufgezeigt. Unser Wirkungsmodell zeigt, dass das Wohnumfeld einen Einfluss auf das Bewegungsverhalten hat – ein bewegungsfreundliches Umfeld macht Kinder aktiver. Aktive Kinder treten eher in den organisierten Sport ein. Sind sie im Sportverein, bleiben sie eher aktiv. Aktive Kinder werden eher aktivere Erwachsene. Aktive Eltern haben eher aktive Kinder. Und wir haben gesehen, dass der Zugang zum organisierten Sport nicht für alle Kinder gleichermassen gegeben ist. Aus sportwissenschaftlicher Sicht gilt es, einen möglichen Handlungsbedarf zu prüfen.

Das Bewegungsverhalten von Kindern und Jugendlichen

Die SOPHYA-Studie ist die erste schweizweite Langzeitstudie zum Bewegungsverhalten von Kindern und Jugendlichen. Sie wurde am Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut (Swiss TPH) unter der Leitung von Prof. Dr. Nicole Probst-Hensch in Zusammenarbeit mit der Universität Lausanne und der Università della Svizzera italiana durchgeführt. Erfasst wurde die Bewegung mittels Bewegungssensoren sowie mittels Fragebogen. 2014 fand eine erste Erhebung mit 1320 Kindern im Alter von 5 bis 16 Jahren statt, 2019 wurde sie bei 844 dieser Kinder wiederholt. 2020 wurde eine neue Gruppe von 5- bis 10-jährigen Kindern rekrutiert. Das machte es möglich, die Entwicklung des Bewegungsverhaltens zu untersuchen. Dr. Johanna Hänggi ist Sportwissenschafterin mit Schwerpunkt Public Health und Bewegungsepidemiologie. Sie war Mitautorin der SOPHYAStudie und arbeitet heute beim Sportamt der Stadt Zürich.