Kein zweiter Gotthard am San Bernardino
Der geplante Ausbau der N13 zwischen Reichenau und Rothenbrunnen wirft grundsätzliche Fragen auf. Vorgesehen ist, den heutigen Abschnitt mit Gegenverkehr durch einen rund fünf Kilometer langen zweiröhrigen Tunnel mit je zwei Fahrspuren pro Richtung zu ersetzen. Die bestehende Strasse soll rückgebaut werden. Unbestritten ist, dass die Verkehrssicherheit verbessert werden kann und sanierungsbedürftige Anlagen ersetzt werden müssen.
Problematisch ist jedoch, dass mit dem Projekt gleichzeitig ein heute bestehender Engpass beseitigt wird. Der Bund begründet das Vorhaben selbst damit, dass der Übergang von vier auf zwei Fahrstreifen den Verkehrsfluss beeinträchtige und bei hohem Verkehrsaufkommen zu Staus führe. Genau dieser kapazitätsbegrenzende Abschnitt soll nun durch eine durchgehend vierspurige Verbindung ersetzt werden.
Damit stellt sich eine einfache Frage: Wenn ein Engpass beseitigt wird, der heute den Verkehrsfluss begrenzt, wie kann behauptet werden, die Transitkapazität werde dadurch nicht erhöht?
Der Alpenschutzartikel in der Bundesverfassung verpflichtet den Bund, das Alpengebiet vor den negativen Auswirkungen des Transitverkehrs zu schützen. Die Transitstrassen-Kapazität darf nicht erhöht werden. Dieses Verfassungsprinzip wurde von der Bevölkerung bewusst beschlossen und darf nicht durch punktuelle Ausbauten ausgehöhlt werden. Gerade deshalb ist Vorsicht geboten. Wer bestehende Engpässe schrittweise beseitigt und auf einzelnen Abschnitten zusätzliche Kapazitäten schafft, verschiebt das Problem lediglich zum nächsten Nadelöhr.
Heute ist es Isla Bella, morgen vielleicht die Viamala. Am Ende entsteht politischer Druck für weitere Ausbauten. So wird der Alpenschutz nicht auf einen Schlag, sondern scheibchenweise ausgehebelt. Zwar wird das Projekt derzeit nicht prioritär behandelt und dürfte frühestens in einigen Jahrzehnten realisiert werden und nicht vor 2055.
Die Verkehrswende kann übrigens auch nicht bis 2055 warten. Es braucht weitreichende Mobilitätsmassnahmen zur Verringerung der Verkehrsbelastung im Alpenraum. Wir haben offenbar noch genug Zeit dafür.
Yvonne Michel Conrad / Der VCS Graubünden
Artikelverweis: https://www.suedostschweiz.ch/graubuenden/nadeloehr-isla-bella-graubuenden-draengt-auf-frueheren-tunnelbau-2196715