Auf eigenen Beinen
Über Steine springen, Geheimnisse austauschen, Konflikte schlichten: Während der Aktionswochen «walk to school» machen die Schulkinder in Oftringen wertvolle Erfahrungen auf dem Schulweg zu Fuss.
Gut gelaunt begrüssen die «walk to school»-Figuren die Kinder, die auf dem Schulhof in Oftringen (AG) eintrudeln. Die roten, grünen und gelben Kreise mit frechen Augen, die selbstbewusst auf geschwungenen Linien unterwegs sind, zieren das Banner mit dem Slogan «Sicher. Selbstständig. Gesund.». Das bunte Banner ziert die Wand des Schulhauses, das in der Sonne gelb leuchtet.
Obwohl es noch früh ist, pulsiert der Schulhof voller Energie. Auf dem Drehkarussell herrscht reger Betrieb, die Kinder rennen umher und tauschen sich lauthals aus. Als die Schulglocke läutet und der Aufruhr abebbt, begrüsst uns Karin Scheppler. Gemeinsam mit Manuela Reck unterrichtet sie eine der neun Klassen im Oftringer Schulhaus Dorf. Hier gehen Kinder bis zur dritten Klasse zur Schule, Scheppler und Reck unterrichten Zweitklässler*innen. Das ganze Schulhaus macht zum zweiten Mal bei den Aktionswochen «walk to school» mit.
Die VCS-Kampagne wurde 2011 lanciert. Sie motiviert Schüler*innen mit einem Wettbewerb, während zweier Wochen ihren Weg zum Kindergarten oder zur Schule zu Fuss und möglichst selbstständig zurückzulegen. Die Kinder erhalten ein Punktesammelblatt, das sie mit Stickern befüllen, wenn sie zu Fuss, mit dem Trottinett oder mit dem Velo zur Schule kommen. Am Schluss nehmen alle Schulen an einer Verlosung teil, bei der es Preise zu gewinnen gibt. Im Jahr 2025 haben 16 255 Kinder aus 796 Klassen und 22 Kantonen beim Wettbewerb mitgemacht – eine Rekordteilnahme.
Wie alles seinen Lauf nahm
Wie ergeht es den beiden Lehrerinnen der Schule Oftringen mit den Aktionswochen? Und wieso haben sie ihre Klasse angemeldet? Scheppler beginnt mit einer hart zu schluckenden Pille. In einer früheren Klasse wurde ein Schüler von einem Elterntaxi angefahren. Sie erzählt von «sehr vielen Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto zur Schule fahren». Beide Lehrerinnen kannten «walk to school» bereits aus anderen Gemeinden und nahmen ihre Elterntaxi-Beobachtungen als Anlass, die Teilnahme an der Kampagne ihren Kolleg*innen vorzuschlagen. Scheppler und Reck schätzen die Aktionswochen, um die Eltern zu sensibilisieren. Diese wollten ihre Kinder häufig vor den Herausforderungen des Strassenverkehrs schützen und realisierten nicht, dass sie andere Schulkinder mit ihren Wendemanövern gefährden.
Im Gespräch mit den Kindern stellt sich heraus, dass der Schulweg zu Fuss Raum für wichtige Erfahrungen schafft. Die Zweitklässlerin Haylie erzählt freudig: «Einmal auf dem Schulweg habe ich mich mit einem Freund versöhnt.» Weiter berichtet sie von Fundstücken, die sie auf dem Weg zur Schule entdeckte und den anderen stolz präsentierte. Ihr Klassenkamerad Liam erzählt: «Es ist immer sicher auf meinem Schulweg. Ich habe überall Fussgängerstreifen, über die ich die Strasse queren kann.»
Neu das ganze Jahr über
Als sich das Schulhaus Dorf 2025 für «walk to school» entschieden hat, war vom VCS das Herbstquartal als fixer Zeitraum für die Durchführung der zwei Aktionswochen vorgegeben. Dies erschien Reck und Scheppler unpraktisch. In dieser Zeit ist viel los: Die Kinder lernen sich nach den Sommerferien in den neuen Klassen gerade frisch kennen. Auch sind die Erstklässler*innen dabei, ihren Schulweg gerade erst zu entdecken und zu üben. So haben die Lehrerinnen auf Anfrage und gemeinsam mit der zuständigen VCS-Projektleiterin Mirjam Kopp entschieden, die Aktionswochen im Frühlingsquartal durchzuführen. Weitere Besonderheiten sind, dass sie in Oftringen sogar vier Wochen dauern und es zusätzlich eine vom VCS unabhängige Verlosung gibt. Die Kinder können Bewegungsspiele gewinnen.
Diese und ähnliche Rückmeldungen von teilnehmenden Schulen gaben dem «walk to school»-Projektteam schliesslich Anlass, die Kampagne zu überarbeiten. Der Zeitraum für die Durchführung ist neu während des ganzen Jahres flexibel wählbar. Die einzige Bedingung ist, dass die zwei Wochen an einem Stück stattfinden. Für die fünf Klassen mit den meisten Punkten gibt es im Herbsthalbjahr Reka-Checks für die nächste Schulreise zu gewinnen. Im Sommerhalbjahr gibt es einen Überraschungspreis.
Die zwei Pädagoginnen aus dem Oftringer Schulhaus Dorf betonen, dass sich der Aufwand für die Teilnahme an «walk to school» für die Lehrpersonen in Grenzen hält. Reck betont den unkomplizierten Austausch mit dem «walk to school»-Team. Der VCS stellt Punktesammelblätter, Leuchtanhänger, vorbereitete Elternbriefe und weiteres Material zur Verfügung. Auf der Website finden sich Ideen für Begleitaktionen und vorbereitete Unterrichtslektionen.
Schweizweit selbstständig zur Schule
«Walk to school» erfreut sich besonders in der Deutschschweiz grosser Beliebtheit. So stammten letztes Jahr 96 Prozent der teilnehmenden Klassen aus dem deutschsprachigen Raum. Doch auch in der französischen und italienischen Schweiz gewinnt die Kampagne an Bekanntheit. Der Kanton Tessin war 2025 zum ersten Mal dabei, die Klasse 4A in Balerna hat dabei die meisten Punkte gesammelt. Die Schule hatte die Kampagne im Rahmen des Jahresthemas «Bewegung» durchgeführt. Die Klassenlehrerin Arianna Bernasconi berichtet: «Die Schüler*innen unserer Klasse haben die ‹Herausforderung› und den Wettbewerb mit Begeisterung angenommen.»
Die Tessiner Schule war so begeistert von «walk to school», dass die Lehrer*innen die Kampagne im Februar aus eigener Initiative wiederholt haben.
Während den Aktionswochen sei es am Morgen immer schön. «Die Kinder sind sehr motiviert, wenn sie ihren Sticker abholen und aufkleben können», erzählt Scheppler. Sie ermutige die Kinder ehrlich zu sein, ob sie wirklich zu Fuss zur Schule gekommen sind. Die Sticker seien auch eine schöne Wertschätzung für die vielen Kinder, die ihren Schulweg auch ausserhalb der Aktionswochen bereits selbstständig zurücklegen. Schmunzeln mussten die beiden Lehrerinnen, als sich Kinder aus ihrer Klasse eines Nachmittags widersetzten, ins Auto der Eltern zu steigen.